Angst vor der Parallel-Gesellschaft?!

Discussion in 'German' started by YinYangFish, Nov 26, 2004.

  1. YinYangFish

    YinYangFish Senior Member

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    Hallo Ihr!

    Heute hatte ich ein interessantes Erlebnis, von dem ich hier berichten möchte - und zu dem ich vor allem Eure Meinung erfahren würde. Ich bin zu Besuch bei meinen Eltern in Karlsruhe und dort Zug gefahren. Um mich herum am Ende drei junge Frauen, die sich in einer mir fremden Sprache unterhalten haben - ich denke, es war türkisch. Nicht, dass ich solche Situationen nicht kennen würde: In Hamburg, z.B. in Bus und Bahn kommt das auch immer wieder vor. Und doch: Ich habe das jetzt innerhalb von zwei Tagen zweimal erlebt und mich damit plötzlich unwohl gefühlt. War es nur, dass ich in dem Land, aus dem ich komme und dessen Sprache ich spreche, trotzdem nicht verstehe, was um mich herum gesprochen wird? Oder war es Sorge? Oder Angst? Ich musste an die Berichte über islamisch-türkische Parallelgesellschaften denken, die zur Zeit durch die Medien wabern. Und vermute deswegen, dass da ein Zusammenhang bestand.
    Wie sieht das bei Euch aus? Kennt Ihr solche Situationen? Wie ist das dann für Euch? Glaubt Ihr, dass die Sorgen, die in den Medien geäußert werden, gerechtfertigt sind? Wie kann man damit umgehen, ohne Menschen, die in IHRER Sprache sprechen, und deren Freiheiten gegenüber ungerecht zu sein? Ich bin gespannt auf Eure Antworten - und hoffe, dass einige kommen werden. ;)
     
  2. sophie

    sophie Member

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    ich denke, dass es die gefahr der parallellgesellschaften tatsächlich gibt, auch wenn sie gehypt wird. einige ausländische menschen weigern sich, die jeweilige sprache zu lernen oder bestimmte sitten anzunehmen und das kann schnell zum vorbild für andere werden. ich denke jedoch, wenn man in ein solches land wie deutschland kommt und eben auch dessen vorzüge nutzen möchte, dann sollte man sich anpassen. niemand muss seine religion oder ähnliches aufgeben - es geht doch nur um kleinigkeiten. was ich gar nicht verstehen kann ist die unterdrückung der frau in gleichgestellten ländern. wenn es manchen männern nicht passt - es gibt doch genügend andere länder wo sie ihre unterdrückung ausleben können - aber eben nicht in deutschland.
    und ich gehe auch von mir aus: wenn ich also in einem anderen land leben müsste/wollte, würde ich doch auch versuchen, mir die fremde sprache anzueignen. das hat meiner meinung nach nichts mit intoleranz zu tun.

    aber ich kenne solche sachen auch aus leipzig. gut, viele ausländer haben wir ja nun nicht gerade. und ich meine auch nicht die zwei freunde, die sich russich miteinander unterhalten. darum geht es ja wohl nicht. es geht um ganz eigene welten - zu denen man fast keinen zutritt hat. geht mal in die moschee eurer stadt - da geht einiges. vieles ist dort für mein gefühl zu hart. aber maybe that's just me ;)

    es gibt schöne projekte, die integration fördern sollen. bei uns an der uni startet jetzt ein projekt, bei dem studenten ausländischen kindern förderunterricht geben. das find ich nett. es ist ja schließlich auch nicht immer die schuld der anderen, dass diese parallellgesellschaften entstehen.
     
  3. Southernman

    Southernman Boarischer Rebell

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    Eindeutig ja! Aber nicht vor Leuten, die sich untereinander in ihrer Heimatsprache unterhalten sondern vor denen, die auf deutsch von "durchrasster Gesellschaft" (Stoiber ca. 1988), "deutsche Leitkultur" (CDU/CSU seit ca. 2000), islamische Parallel-Gesellschaften (fast ganz Deutschland seit 2004) reden und damit versuchen, sich die Lufthoheit im geistigen Tiefflug über den deutschen Stammtischen zu sichern. "Deutschland den Deutschen" hat in diesem unseren Lande vor 60 Jahren in einer fürchterlichen Katastrophe geendet, bei der fast 60 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben, traut sich auch zum Glück ausser den Nazis keiner mehr zu fordern, aber Forderungen nach Anpassung an eine deutsche Leitkultur (was soll das überhaupt sein, eine Leitkultur?) und jetzt das Schüren von Ängsten vor vermeintlichen Parallelgesellschaften macht mir persönlich wirklich Angst. Anscheinend ist es immer noch so, dass wir hier im 51. Bundesstaat der USA alles mit 1-2 Jahren Verzögerung nachmachen, kommt jetzt der Patriot Act auf deutsche Art? Alle Moslems, die sich ein Stück ihrer Kultur bewahren, wozu auch die Religion und Sprache gehören, generell des Terrorismus verdächtig? Echt schlimm, dass die sich sogar trauen, hier bei uns Moscheen zu betreiben, alles Brutstätten des Terrorismus, oder?. Alle Russen, die jetzt unter uns leben, sind sowieso Angehörige der Russenmafia, oder? Was ist mit den unzähligen Chinarestaurants und deren Leute, die reden untereinander auch nur selten deutsch, alles Tongs (chinesische Mafiosi), was ist mit den Italienern, Griechen und sonstigen, da lässt sich sicher auch was finden, was die deutsche Leitkultur auf das schlimmste verletzt. Tatsache ist, einen Bodensatz von Leuten mit extremen Ansichten gibt es überall, aber eben auch unter uns guten Deutschen. Das Schüren von übertriebenen Ängsten war schon immer ein probates Mittel der Herrschenden, dass das Stimmvieh nicht aufmuckt und sich alles gefallen lässt.
    Ich habe, wie gesagt, Angst vor der Parallelgesellschaft, vielleicht auch deshalb, weil ich seit über dreissig Jahren die deutsche Leitkultur ablehne, meine Freunde und ich selber hier in diesem unserem Lande in einer in einer Art Parallelgesellschaft leben und und von den Trägern der deutschen Leitkultur seit Jahrzehnten auf das heftigste mit Misstrauen bedacht werden, bloss weil wir lange Haare haben und ähnliche Abweichungen.
     
  4. YinYangFish

    YinYangFish Senior Member

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    @Southerman: An dieser Leikultur-Diskussion habe ich mich auch wieder heftig gestossen. Als ob unsere Kultur - die ja alles andere als eindeutig ist - so was besseres wäre, dass sie die leitende, die maßgebliche sein könnte. wertungen finde ich hier völlig unangebracht, solange sich alles auf dem boden des rechts bewegt - und das tut es ja wohl in den größten teilen. Aber solche tiefflüge aus konservativen kreisen tragen hier sicher zu verunsicherung und unnötiger verängstigung bei. Bush hat damit ja auch seine wahl gewonnen (nur halt mit osama statt den parallelgesellschaften).

    @sophie: mit der sprache und den kleinigkeiten stimme ich Dir absolut zu. ich frage mich aber, ob wirklich "gehypt" wird. wenn man die politik nimmt, dann zumindest zum teil. andererseits: mir ging es so, dass ich mir über vieles auch nichts so wirklich bewußt war und deswegen jetzt erstmal etwas erschrockener bin, wo da einiges zusammen kommt.
     
  5. Anjee

    Anjee Member

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    ethnologisch betrachtet haben wir uns diese paralellgesellschaften selber geschaffen. sie sind das resultat einer hervorragenden integrationspolitik. und selbst wenn diese besser wäre, nicht zu vermeiden. die frage ist nur: wie geht man damit um? sprich also: du bist an der reihe, etwas zu ändern. aber weißt ja selba.
     
  6. Heaven

    Heaven Senior Member

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    Mir geht bei so Äußerungen wie "wenn die schon in unserem tollen Land wohnen dürfen, sollen sie sich gefälligst anpassen und vor allem Deutsch lernen" der Hut hoch.

    Hallo?

    Bitte welcher türkisch sprechender Türke tut mir persönlich was zu leide, wenn er sich mit seinen "Kollegen" auf türkisch unterhält?
    Wenn er sich weigert Deutsch zu lernen - na und? Was betrifft mich das? Das ist doch nur schlecht für ihn selbst!

    Wenn ich in Amerika leben würde und hätte dort deutsche Freunde. Auf welcher Sprache würde ich mich wohl mit denen unterhalten? Sicher nicht auf Englisch!

    Übrigens... bitteschön... wir haben die türkischen MitbürgerInnen selbst nach Deutschland geholt, weil wir sie damals brauchten. Jetzt plötzlich, wo es uns wieder schlecht geht im Land können sie dazu dienen schlechte Stimmung gegen die "Fremden" zu machen. Die ganzen Jahre, als wir mit unseren ausländischen MitbürgerInnen zusammenlebten, hat auch niemand eine Parallelgesellschaft gesehen.

    Übrigens ist es doch völlig normal, dass sich Minderheiten etwas zusammenschließen, weil sie sich dann wohler fühlen. Das findet man in jedem Land! Und das muss man nicht gleich als "Parallelgesellschaft werten. Diese Menschen arbeiten doch meist in deutschen Firmen, die Kinder gehen in deutsche Kindergärten und Schulen. Wo bitte ist die "Parallelgesellschaft"?
     
  7. Flowerian

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    Es geht ja nicht darum wie die Person mit seinen Freunden spricht - es geht darum dass ein guter Teil der Betroffenen (v.a. Frauen) kein Wort Deutsch sprechen...

    Und in den Kindergärten und Schulen dürfen die Mädchen nicht im Sport mitmachen und nicht auf Klassenfahrten mitfahren usw usf, und nachmittags werden die Kinder in die Koranschule geschickt...

    btw: Wir brauchen einen staatlich organisierten islamischen Religionsunterricht.
     
  8. Heaven

    Heaven Senior Member

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  9. sophie

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    naja, wie flowerian schon sagt: es geht nicht darum, dass menschen untereinander türkisch, russich oder chinesisch sprechen. das ist ihre sache, ganz klar. aber wie kann man in einem land leben dessen sprache man nicht spricht? ist doch eigentlich auch klar, dass es dann kaum integration geben kann, da sprache ja in unserer gesellschaft wichtig ist. gerade wenn man amtsbesuche machen muss oder ähnliches. wie sollen kinder kontakt zu anderen kindern bekommen, wenn sie nicht reden können? ich sage nicht, dass es unmöglich ist, aber es erschwert ungemein. und wenn du dann schon so fragst: ja, es schadet. es schadet der gesellschaft. wenn in ein paar jahren vielleicht 50 prozent ausländer sind und jeder nur noch spricht was er will ... was dann? aber wie gesagt: privat ist es ihre sache.

    islamischen religionsunterreicht finde ich schwachsinn. es gibt religionsunterricht und der ist ursprünglich nicht nur für das christentum gedacht, sondern für religionen allgemein, so dass man auch einen einblick in andere religionen bekommt und so sollte es sein. für alles tiefergehende sollen sie doch weiterhin ihre kirchlichen einrichtungen benutzen.
     
  10. Anjee

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    ich denke, es geht hier um paralellgesellschaften, und nicht um die tatsache, dass sich einzelne zu minderheiten zusammenfinden? subkulturen bzw. minderheiten sind ein natürliches phänomen jeder gesellschaft. aber unter einer paralellgesellschaft versteht man doch etwas anderes, oder stehe ich da jetzt irgendwie auf dem schlauch? ich dachte immer, paralellgesellschaft wäre sowas wie berlin kreuzberg früher, um es mal stark zu vereinfachen.
     
  11. ~Aglaja~

    ~Aglaja~ Member

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    Ja, genau. Was bitteschön ist „Kultur“ oder Leitkultur? Mich würde interessieren, was Politiker oder Menschen, die von Parallelgesellschaften sprechen, als die deutsche Kultur definieren. Weiß das zufällig jemand? Biertrinken aufm Oktoberfest, schamlos in eine Ecke zu kotzen oder gar Kruzifixe im Klassenzimmer?



    Eine reiche und vielfältige Kultur (was auch immer Kultur ist… ich tu mich ein wenig schwer mit der Definition) ist ein Grundelement für eine Gesellschaft, die lebendig ist. Menschen gestalten Kultur und werden wiederum von äußeren Einflüssen „geformt“. Kultur ist das, was wir sehen, das Wertesystem, Traditionen und das Verhalten der Menschen innerhalb einer Gesellschaft. Sie beinhaltet moralische Vorstellungen und Ethik. Und vor allem: Sie verändert sich!!



    Kultur ist ein ziemlich großes Mischmasch von diesem und jenem.

    Im Großen und Ganzen geht es nur um Vermischung. Wir vermischen uns ständig: mit Bildern und Büchern, mit Essen, Trinken und mit anderen Menschen. Wir sehen uns immer als isoliert, als geschlossene Körper, als „individuelle Individuen“, die aufeinanderprallen, aber geschlossen bleiben, übersehen dabei aber die Vermischung. Das schreibt Siri Hustvedt. Und sie schreibt auch: Descartes hatte Unrecht. Es muss nicht heißen: ich denke, also bin ich. Es muss heißen: ich bin, weil du bist. ...worauf es ankommt, ist, dass wir uns ständig mit anderen Menschen vermischen. Manchmal ist es normal und gut, manchmal ist es gefährlich. (Zitatende)



    Ich bin, weil Du bist. Will heißen, dass meine Identität mit Deiner zusammenhängt, weil ich mich nur im Vergleich mit anderen sehe. Weil ich verschiedenen Elemente, die von außen kommen, aufnehme… verarbeite und in irgendeiner Form verinnerliche. Das Eigene wird erst im Kontrast mit dem Fremden sichtbar. Im anderen Kontext: Man erkennt die Schönheit und Eigenheit einer Blume erst im Vergleich mit einer anderen schönen Blume. Und dennoch sind sie beide Blumen. Aber ja… was ist das Fremde? Das Fremde beginnt direkt vor meinen Füßen. Alles ist fremd bevor wir es uns vertraut gemacht haben.



    Ich habe eine Beobachtung gemacht: Kurz nach dem 11. September hing ich ununterbrochen vor der Glotze, um möglichst up to date zu sein, was die Terroranschläge betraf. Ich habe festgestellt, dass ich, wenn ich auf die Straße ging und mir verschleierte Frauen entgegen kamen oder „anders sprechende“ Männer, tierische Angst hatte. Ich habe in jedem Araber einen potentiellen Terroristen gesehen. Und in jeder verschleierten Frau eine unterdrückte.

    Ich bin drauf gekommen: Ich wurde MANIPULIERT! Durch die Medien. Und ich schreibe das Wort deshalb so groß, weil jegliche Art von Medien Manipulationen der Wirklichkeit sind. Ohne Ausnahme! Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was ist die Wirklichkeit? Oder gar: Was ist Objektivität?? Es gibt sich schlichtweg nicht. Aber das ist eine andere Diskussion.

    Meine Konsequenz: Nie wieder Fernsehen! Ich lese auch keine Zeitungen oder Zeitschriften. Heutzutage muss man sich ja schon fast schämen, so etwas zu offen zuzugeben, weil man ja absolut nicht up to date ist und hinterm Mond lebt. Und ich sage: Mir ist es vollkommen wurscht! Ich habe es immer wieder probiert… aber das, was ich lese, schockiert mich… frustriert mich und macht mich wütend und raubt mir obendrein noch eine Menge Energie und Zeit.



    Ich muss an ein Zitat von Chomsky denken: "… die Bürger demokratischer Gesellschaften sollten Kurse für geistige Selbstverteidigung besuchen, um sich gegen Manipulation und Kontrolle wehren zu können…"



    Wer gibt Journalisten das Recht über andere zu schreiben oder zu berichten? Nur weil sie eine bestimmte Ausbildung genossen haben oder auch nicht? Wer gibt Politikern das Recht über sogenannte Parallelgesellschaften zu sprechen, wenn sie sich nicht die Bohne mit dem „Anderen“ beschäftigen, sondern nur deppert über ihre eigene „Kultur“ und deren Verfall sprechen…. Oder gar über Überfremdung. Und: Wieso übernehmen so viele Menschen die Meinungen anderer unhinterfragt?



    Ich lebe seit einigen Jahren in Wien und fahre und bummel regelmäßig durch diese wundervolle Stadt und sehe eine bunte Mischung aus vielen verschiedenen Menschen. Ich esse mein Kebab (zu deutsch: Döner) am Kebabstandl an der Josephstätterstrasse, trinke meinen Pfefferminztee im Nil in der Siebensterngasse…. Und ich trinke meine Melange in einem alteingesessenen, von Touristen überströmten Kaffeehaus. Ich laufe mit meiner Darabuka am Brunnenmarkt entlang, kaufe mir Granatäpfel, die von weit her kommen, höre wie der Verkäufer etwas auf Arabisch zum Verkäufer am Standl gegenübersagt und schnappe nur das Wort „Darabuka“ auf. Ich lächel ihn an, er lächelt zurück… ich drehe mich um und schenke noch ein Lächeln und gehe meines Weges. Ich kauf beim Griechen um die Ecke meine Oliven und meinen Schafskäse und sonntags mein Schokocroissant bei der alten österreichischen Greislerin (zu deutsch: Tante-Emma-Ladenbesitzerin) direkt unter mir. Ich versuch mit meiner Nachbarin Urdu zu sprechen und freu mich, wenn ich das, was sie sagt, verstehe. Abends gibt’s manchmal arabische Leckerbissen und anschließend eine ägyptische Nargile mit Apfeltabak. Ich vermische mich in allem, was ich tue und mit allem was mir begegnet.



    Es sind Menschen, die um uns herum leben und aus denen sich eine Gesellschaft zusammensetzt. Viele verschiedene Menschen. Keiner ist so wie der andere. Sie versuchen – genau wie ich – ihr Leben hier zu leben… mit all den Problemen und Konflikten und mit all der Freude und dem Leid, die uns allen im Laufe unseres Lebens begegnen. Viele haben es nicht leicht, weil sie in einem anderen Land leben und ihre Heimat weit fort ist. Ich habe es auch manchmal nicht leicht, weil viele Menschen, die mir lieb sind, weit weg sind. Und ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schön es ist, jemanden zu treffen, der so einen richtig schönen „deutschen“ Hamburger Akzent hat und ich plötzlich wieder Hochdeutsch spreche. Ich fühle mich auch fremd… obwohl ich die Worte der Österreicher verstehe, aber es liegt einfach daran, dass ich zwar in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt bin. Es ist ein Leitspruch, der mich schon seit einiger Zeit begleitet und er hilft mir, in diesem Chaos zu überleben.



    Wenn man aus seiner gewohnten Umgebung gerissen wird (sei es freiwillig oder unter Zwang), dann folgt darauf eine ziemliche Verwirrung und Orientierungslosigkeit. Man wird mehr oder minder entwurzelt, muß loslassen vom Alten und allzu oft ist die Verwandlung zu etwas Neuem extrem schmerzvoll. Und viele packen das einfach nicht. Versuchen, sich an irgendetwas zu klammern… und sei es nur die Muttersprache. Sie sind zerrissen. Es ist eine schmerzliche Zerrissenheit des Ichs zwischen eigener Geschichte, eigenen Wurzeln und einer neuen Umgebung, an die man sich als Migrant zwangsläufig mehr oder minder anpassen muss, weil es so verlangt wird.



    Ich finds auch sehr bedenklich nur in Dichotomien und binären Oppositionen zu denken. „Wir“ – „die anderen“… was ist mit „uns allen“? Das Leben ist viel zu komplex als nur schwarz und weiß zu malen, oder zu propagieren: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“…. Oder gar von einer Leitkultur zu sprechen.



    Wer sind wir, wohin gehören wir oder welchen Platz haben wir in dieser chaotischen Welt? Über welche Erfahrungen, Anschauungen und Beziehungen definieren wir uns selbst? Und welche (meist falschen) Eigenschaften schreiben uns andere zu, welche Bilder konstruieren sie von uns.



    Ja, chaotisch… bruchstückhaft und absurd… alles mischt sich… ein Haufen Seelenschutt, Erinnerungssplitter, abgestreifte Identitäten, herausgeschnittene Muttersprachen, verletzte Intimsphären, unübersetzbare Witze, zunichte gemachte Zukunftshoffnungen, verlorene Lieben, die vergessene Bedeutung hohler, dröhnender Wort: Land, Zugehörigkeit, Heimat. (Salman Rushdie). Diese Worte muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen…



    Ich versuche immer, auch die andere Seite der Geschichte zu betrachten. Meine Englischlehrerin hat früher immer gesagt: You’ve got to put yourself into other people’s shoes“. Dieser Satz hat sich mir eingeprägt. Er ist auch so was wie ein Leitspruch, der mir hilft, das, was auf den ersten Blick so unverständlich erscheint, zu verstehen. Oder zumindest versuchen, es zu verstehen.



    Ich sehe dieses Mischmasch, diese „Melange“, diese „Chutneyfication“ (wie Salman Rushdie es nennt) als eine Chance. Ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem – so entsteht etwas Neues. Und wir sollten das wirklich als Chance betrachten, uns darauf einlassen und nicht von vornherein sagen: Alles was anders ist, ist schlecht.“









    Hmm…

    Ich weiß nicht, ob ich mich mit meinem obigen Geschreibsel vielleicht irgendwie verheddert oder in eine Sackgasse geschrieben habe. Das ist es, was mir irgendwie spontan zu dem ganzen eingefallen ist…



    Und danke für den Thread. Es ist manchmal ziemlich gut und befreiend zu reflektieren. So vieles wird klarer.



    Und was so viel wichtiger ist: Wir müssen wirklich bei uns selbst anfangen und nicht andere für gewisse Dinge verantwortlich machen. Wir müssen uns selbst ändern. Immer wieder und jeden Tag aufs Neue.
     
  12. Heaven

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    Da muss ich dir leider widersprechen. Weder der katholische noch der evangelische Religionsunterrichts sind auch für andere Konfessionen gedacht. Dort wird der christliche Glaube mit katholischer oder evangelischer Prägung vermittelt. Dieser Unterricht kann nicht Moselms mit abdecken.
    Die Alternative ist Ethik Unterricht. Doch warum sollte man den Moslems nicht die gleichen Rechte Einräumen wie den katholischen oder evangelischen Christen?

    @ Aglaja: schön und sensibel geschrieben, danke für das post
     
  13. Flowerian

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    Ich finde islamischen Religionsunterricht schon dringend notwendig. Was wollen wir? Die muslimischen Kinder aufgeklärt und unter Kontrolle des Inhaltes bezüglich freiheitlich-demokratischer Grundordnung etc pp unterrichten oder sie den Koranschulen der Moscheen überlassen, bei denen niemand überprüft, was hinter den geschlossenen Türen so gepredigt wird...
     
  14. sophie

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    weil es vielleicht auch menschen gibt, die sich dafür interessieren was in der welt passiert? also ehrlich - ohne medien wüsste doch niemand von uns etwas über die demonstrationen in kiew, die zustände in china oder ähnliches. so ein schmarrn.
     
  15. sophie

    sophie Member

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    bei uns im religionsunterricht ging es um alle religionen.
     
  16. sophie

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    hat das jemand gesagt?
     
  17. ~Aglaja~

    ~Aglaja~ Member

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    Darum gehts ja auch nicht.

    Es geht darum, dass Journalisten auch Menschen sind und nicht über die absolute Wahrheit / Objektivität verfügen... wie der eine oder andere vielleicht glaubt. Es geht darum, zu erkennen, dass jegliche Meinungsäußerung subjektiv gefärbt ist... und dass man nicht alles, was in den Medien verbeitet wird für bare Münze halten sollte und unhinterfragt übernimmt.
     
  18. ~Aglaja~

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    Ja.

    Das sagen viele Leute. Vielleicht nicht hier und vielleicht auch nicht so explizit. Aber sie tun es!
     
  19. YinYangFish

    YinYangFish Senior Member

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    Dann würde ich behaupten, dass es auch darum geht, Medienberichten KRITISCH zu begegnen, statt sie einfach zu konsumieren oder zu ignorieren. Für letzteres gibt es sicher gute Gründe, aber mein Ding ist das nicht. Allerdings muss ich auch einräumen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den Thesen solcher Artikel viel Zeit und entsprechende Vorbildung verlangt. Nur wer hat das schon in dem Maß, dass es das regelmäßig anwenden könnte?!
     
  20. YinYangFish

    YinYangFish Senior Member

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    "Parallelgesellschaft" beginnt da, wo Menschen, z.B. eine Gruppe türkisch oder arabisch sprechender Menschen, den allergrößten Teil seiner Kontakkte von der Bank über den Einkauf und den Friseur bis hin zur Familie unter sich verbringt, ohne dabei Kontakt zum "Rest" der Mehrheitsgesellschaft - soweit man davon sprechen kann - zu haben. Die Folge: Distanzen entstehen. Kein "Wir alle" mehr, sondern jenes "wir" und "die anderen" mit all seinen Klischees und (Vor-) Urteilen, womöglich bis hin dazu, dass islamistische (nicht islamische!!!) Prediger sagen, die Deutschen hätten die Hölle verdient. Und das ganze dann auch umgekehrt: Die gefährlichen Moslems, die doch auch Menschen sind, genau wie die Deutschen, die Amerikaner usw.
    Das kommt die Parallelgesellschaft - und auch die Sorge, weil wir ja kaum noch wissen, was dort geschieht, wie weit sie uns gegenüber loyal sind oder doch einzelne zur Gefahr werden. Daher die Angst, daher die Sorge um Sprache und Integration, daher die Forderung, dass junge Musliminnen (hä?!) mit auf Klassenfahrten dürfen usw.
     
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